Tausende Sterne

Die dunkele tief-schwarze Nacht kommt so überraschend, dass du fast nichts merkst. Vorhin war noch das Licht von der Sonne da, und jetzt überall diese schwarze undurchdringbare Masse, die umarmt, zudeckt und lässt dich nicht los. In der Tiefe irgendwo winzige Lichter grinsen.

Man müsste sie annähern, aber die sind scheinbar so nah, doch unerreichbar in der Ferne.

Es dauert ewig, bis Du sie erreichen könntest. Aber sie ziehen dich doch, und sie lassen nicht, dass du sie so einfach vergisst und nicht in ihre Nähe kommst.

Wie viele Sternchen sind sie überhaupt? Kann man sie zählen? Eins, zwei, dreißig. dreihundert, dreitausend? Unzählbar sind sie! Obwohl sie schienen, als du sie zuerst erblickt hast, nur ein Paar zu sein. Jetzt, da du sie mühsamer betrachtest, zeigen sie sich, als ob sie eine ganze Menge wären. Was für eine zauberhafte Enttäuschung ist das? Sind deine Sinnorgane nicht in Ordnung? Kannst du nicht mehr richtig sehen? Vorhin hast du nur drei gezählt und jetzt funken Tausende um dich, bestrahlend den dunklen Raum, der sich hier umgibt. Da rast ein Stern immer näher, wird immer größer und hat ein Gesicht, wie die Tauftante, die Schwester deines Vaters. Ihr Gesicht ist gelb.

Es glänzt, als wäre ein blanker Taler. Genau, wie ein Sielberpengö mit dem Kaiser Franz-Josef auf der Rückseite. Die Tauftante lächelt. Auf ihren Fingern sind lauter Silberringe mit ganz außergewöhnlichen Edelsteinen. Als du noch kleines Kind warst, hättest du sie gern gewollt. Sie in deine Hände nehmen, um die Finger rollen zu lassen, um zu sehen, wie sie in den Sonnenstrahlen glänzen. Nie hast du sie gehabt! Du warst der Liebling von ihren aller Neffen. Und trotzdem nicht. Nach ihrem Tod, kurz nach der Beerdigung kam die Verwandtschaft und hat das Haus leergeputzt. Du hast noch die Brüder und Schwägerinnen gefragt – als großer Junge unter den älteren – wo die Ringe sein könnten, aber keine wusste etwas. Viel später, als deine Cousine heiratete schien es dir so, als ob der Bräutigam der Braut so einen ähnlichen Ring geschenkt hätte. Wer hätte es nachweisen können? Da hast du auch gedacht: „es wäre besser gewesen, damals doch mit den Ringen ein bisschen zu spielen.“ Aber wenn man sich abscheucht Sachen zu tun, die verboten sind, darf er später auch nicht bedauern, dass er es nicht getan hatte. Sich ärgern: das ist recht, aber ständig darüber zu jammern, lohnt es sich nicht. „Das schadet nur der Gesundheit.“ – sagte immer dein Vater. Die Tauftante! Was für ein wunder war, als sie einmal zu einem Familienfest kam.

Sie war die einzige von den Frauen dort, die kein Tuch, sondern einen Hut trug.

Ihr Kleid war den anderen gegenüber so elegant, dass sie sich letztendlich selber unangenehm fühlen sollte, weil sie in dr Gesellschaft auffiel. Nicht weil die anderen so schlampig gewesen wären. Sie waren schön bäuerlich. Tauftante aber städtisch. „Nach der letzten Mode“ – haben die anderen gesagt. „Was sollte das alles kosten?“ – flüsterten sie untereinander. Ich bin oft bei ihr gewesen, da mein Vater und meine Mutter das Geschäft hatten und sie konnten sich so oft nicht um mich kümmern. „Tauftante hat nie richtig gearbeitet“ – sagten die anderen oft. Ja, sie war Kindererzieherin. Sie ist zu einigen reichen Familien gegangen und deren Kinder unterrichtete. Sie hat Klavierstunden, Deutsch- oder Französischstunden gegeben, im Latein korrepetiert. Es wussten nur wenige, dass sie ab und zu in der Kostümabteilung des Nationaltheaters als Ankleiderin, arbeitete. So hatte sie ihre Sachen. Graf Rotschild, Familie Buchenmeier, die Kronzinsens und nicht zum Letzt Herr Klein vom Theater – der Garderobemeister. Was wusste die Familie über sie? Nicht viel. Sie wussten, dass ihr Mann, Robert Kremfeld ein Bankangestellter war. Der war ein außergewöhnlicher Mensch. Er hat nicht viel verdient. Davon hätte Tauftante keine so schöne Garderobe leisten können. Sein Verdienst reichte gerade für das leben für ihre Unterhaltung. Da sie keine Kinder hatten, konnten wir den ganzen Sommer bei ihnen auf dem Hof verbringen. Keiner sagte uns nein! Das war für uns ein Paradies! Die anderen spielten draußen, ich war aber lieber in der Nähe der Tauftante. Um sie gab es immer etwas Zauberhaftes. Für sie war es egal, was sie gerade gemacht hat, sie hat immer etwas gesungen. Meistens Lieder aus den berühmten Operetten: Lehar, Kalman, usw. Sie hat Kostüme, Stoffstücke nach Hause gebracht, die repariert oder geändert werden sollten. Dabei fiel immer ein Stückchen ab: manchmal vielleicht ein Knopf oder ein Aufsatz, ein Kragen, Mahnjetten. Sie hatte viele verschiedene Kästchen, Döschen. Jeder hatte seinen Sinn und seinen Inhalt. Ich dürfte sie nicht stören! Ich hatte wenigstens diesen Eindruck.

So bin ich immer in ihre Nähe geschlichen und versuchte heimlich, ihre Geheimnisse zu entdecken. Mich hat es auch gereizt, einer Dame ganz nah zu sein, ihr Duft tief einzuatmen und ganz wirbelig vor der Angst – um nicht entdeckt zu werden – unter dem mit großem Tischtuch zugedecktem Tisch zu horchen. Riechen, die für mich fremde Geruche, die ich nur bei ihr spüren konnte. Die Gerüche einer Frau, des Theaters, der Kleider und der vielen verschiedenen alten Sachen, die sie von Leuten, oder von ihrem Mann geschenkt bekommen hatte. So habe ich von ihr viele verschiedenen Melodien und deren Texte erworben, die sich später, bei dem Anhören des Direktors in dem Sommertheater vorsingen konnte, als das Anschreiben stattfand, wo ich mit zitternden Knien erschien. Tauftante war für mich die Insel, die mich in meinen Zweifeln verstärkt hatte, als ich durch mich und durch die Meinungen anderer unsicher geworden war. Die Mahlzeiten! Die waren auch Sachen, die ich an ihr gemocht hatte. Sie hat aus den Mahlzeiten immer ein großes Fest gemacht. Wir waren mindestens zu zwölft bei ihr. Sie hat oft Nudeln gemacht. Das Ganze fing aber morgens mit dem Aufstehen an. Wir haben in den unmöglichsten Ecken des Hauses geschlafen. In dem Kabuff, wo sie das Holz und Kohle gelagert haben. In dem Stapelkammer, wo Onkel Josef seine Werkzeuge, Fahrräder und sämtliche andere Zeugs gesammelt gehabt hatte. Auf dem Dachboden zwischen leeren Einweckgläsern, Körben, Schiffskoffern und trockenen Maiskolben. Die Betten waren aber immer frisch von der Sonne. Im Haus sollten mindestens zwanzig Stück Militairdecken (Haardecke) sein. Die wurden mit dicken Leinlacken überzogen, die wir jeden Morgen abziehen mussten, um sie in die Sonne auf die Leine zu legen. Vor dem ins Bett gehen sollten die Decken wieder bezogen werden. So schliefen wir immer in frischer Bettwäsche. Das Frühstück! Das war herrlich! Tauftante hatte zu Hause so viele verschiedene Marmeladen, wie viele Kinder sie im Haus gehabt hatte. Die keine Marmelade mochten, mussten sich mit Schmalz begnügen können. Das Schmalz hatte sie auch in drei-vier verschiedenen Ausführung: Gänzeschmalz pur, mit Knoblauch, oder Schweineschmalz mit feinen Grieben, dann mit Apfel und Zwiebeln. Zu diesen feinen Sachen gab es immer Ovomaltine. Ovomaltine direkt von der Firma, da ein Teil der Familie bei Wander arbeitete. Diejenigen, die Ovomaltine tranken konnten aus sämtlichen Teesorten wählen: Linden, Hagebutten, Holunder, …… Wenn einer von uns diese Getränke doch nicht mochte, durfte er zum Brunnen gehen. Natürlich nur mit Tauftante. – Er hatte dann die große Gelegenheit das Rad des Brunnens loszubinden, wobei der Eimer am Ende der Strippe schnell in die Tiefe fuhr, mit einem prickelndem Gefühl dem Weg des Eimers folgen zu können, bis er mit einem großem Platschen unten in der dunklen Tiefe ins Wasser fiel um sich Wasserringe zu schaffen, die an der Wand des Brunnens aufhören mussten.

Das war ein großartiges Erlebnis. Wenn man nun konnte, hat man auch versucht - auch für den Preis, dass man an dem Morgen keine Ovomaltine trank – Durst anzumelden oder einfach nach Wasser zu verlangen. Dann haben wir mit Tauftante den Eimer voll mit Wasser hoch an uns gezogen. Die Tante machte das Gitter auf – durch das wir davor das Fallen des Eimers befolgt hatten – und hob sie den Eimer über den Brunnenkranz heraus und stellte ihn auf einen kleinen Hocker, sodass wir uns über dem Eimer beugend trinken konnten. Wir sind an den Eimer gestürzt und wie die Hunde haben wir das eigenartig schmeckende kalte Wasser geschlabbert.

Wir haben noch extra raufgespielt, als ob wir kleine Hunde wären, die sehr großen Durst haben. Während des Trinkens fing Tauftante an, kurze Geschichten über den Brunnen zu erzählen: was und wie schon mal in dem Brunnen gelangen. Sie erzählte über Frösche, und anderen ungeheueren Lebewesen, die alle schon mal in diesem Brunnen gefunden worden sind oder vielleicht jetzt auch da unten im Wasser leben. Die ganze Handlung ging darauf hin, dass wir mit dem Saufen kaltes Wasser endlich aufhören. Am Anfang hatten richtig genug von den Geschichten und Eckel bekommen. Später wussten wir schon Bescheid und spielten noch darauf, als ob wir es noch glauben würden, was die Tante uns vorspielt, erzählt. Wir wussten schon aber alle, dass es nur ein Spiel ist und deswegen hörten wir bald mit dem Wasserschlabbern auf, als die Tante mit ihren gruseln Geschichten losfuhr.

 

Wo ist sie schon? Sie ist genau so verschwunden, wie ihre Ringe, Ketten und die anderen Klamotten. So ging sie weg, dass ich ihr nicht mal „Wiedersehen“ sagen konnte. Es kommt mir so seltsam vor, als wir an der Beisetzung standen, wie mein Sohn der „Ferko“ tierisch geheult hat. In dem Moment hatte ich mich gewundert: wie kommt es, dass der kleine Junge die Sache so auf sich nimmt? Na ja, nach mir – wieder – er war der liebste Neffe von ihr. Er ist auch oft bei ihr gewesen. Onkel Josef lebte aber nicht mehr. Der gute Onkel Josef! Der hat noch in der Monarchie studiert. Er hat in Wien die Wirtschaftsakademie durchgemacht. Kurz danach wurde er an der Dresdner Bank Angestellte. Er hätte große Karriere machen können, wenn der Krieg nicht zwischen gekommen wäre. Vor dem Krieg war er fast Millionär – sagten die anderen. Ich habe es nie geglaubt. Aber was eine Tatsache ist: nach dem Krieg hatte er ein Haus in der Stadt. Ich sage es so: „in der Stadt“. Da wir nie in der Stadt gewohnt haben, sondern draußen in Adlershügel, der Ort später sogar zu der Stadt gehörte sah aber immer wie ein Dorf aus. Onkel Josef hat später das Haus in der Stadt verkauft und von dem ganzen Geld an dem Rand der Stadt, im Grünen ein viel kleineres Haus gekauft. In diesem haus haben wir den Sommer verbracht. Was er mit dem Geld gemacht hat, darüber gibt es mehrere Gerüchte. Die anderen sagen, dass er das ganze Geld auf Karten verspielt habe. Noch einige von den Verwandten behaupten, dass er ein Teil der Summe habe anlegen wollen, aber seine Anlagen seien schief gelaufen und er habe alles verloren.

Komisch, ich konnte es nie vorstellen, dass der alte Onkel so ein „großartiger“ Mann gewesen war.

Doch imponierte es mir, so einen Onkel in der Familie zu haben!

Oh Tauftante! Du warst doch die Frau für mich! Wenn ich überhaupt etwas über das Leben gelernt habe, habe ich es von dir gelernt, obwohl du mich nie direkt unterrichtet hast!

Wie blass ist jetzt plötzlich dein Gesicht. Dein Stern geht wohl hinunter. Bleibe noch ein Bisschen! Wärme mich eine Weile mit deinem Blick, den ich immer so gemocht habe! Sei mein Kissen und meine Militairdecken (Haardecke) deren Geruch ich noch immer in meiner Nase riche!

 

Sie lächelt ganz sanft und fliegt über dich weg. Man höre noch lange ihre kratzige tiefe Stimme.

Ich sollte etwas trinken. Mein Mund ist plötzlich wie ein Zunder und in dem Mund spüre ich etwas bitteres, obwohl ich schon paar Tage kaum geraucht habe. Jetzt müsstest du aufstehen, bis in die Küche laufen, den Wasserhahn aufdrehen, das Wasser lange fließen lassen um in deinem Becher kaltes Wasser zu haben. Ah, dann bleibe ich doch ein wenig noch liegen. Sicherlich bald ist die Zeit da: klingelt der Wecker!  Ich kann ihn hören, wie er nervend eine immer höhere Stimme schafft und lässt mich nicht in Ruhe. Verlangt aus dem Bett zu steigen, schwindelig im Dunkel den Schalter zu suchen und Licht zu schaffen. Aber wie immer, du willst nicht rasch aufstehen! Du dehnst deine Gliedern, drehst du dich um, ziehst die Decke über den Kopf, dass du den Wecker nicht so stark hören musst. Der Wecker ist aber stärker als du und letztendlich musst du aus dem Bett! Dann stehst du da, in dem dunklen Zimmer suchst du nach ihm. Wo könnte er sein? Woher kommt sein scheußliches Klirren? Woher kommt dieses furchtbare Geräusch? Es hört sich so an, als ob jemand seine Stimme verloren hätte und könnte nur röcheln. Röcheln, wie einer, der am sterben liegt.

 

Ich mochte nie den Wecker. So auch nicht den Morgen, der mich immer gezwungen hat, meine besten Träume zu unterbrechen. So hasste ich den Wecker, den Morgen, die meine Träume verstört haben. Träume, die mein Leben immer schöner machen wollten. Träume, die mir fliegen gelehrt haben. Fliegen! Das ist ein Erlebnis! Wie oft versuchte ich zu fliegen! Oft ist es nur das fliehen geworden. Fliehen und verbergen. Verbergen und schweigen. Die Drossel hat auch gar keine Lust zu singen, wenn keiner zu hört!

Du fängst an zu singen, weil du etwas zu sagen, weil du etwas zu zeigen hast. Einige können gut sprechen, andere besser zeichnen oder malen.

Manche können gar nichts, nun tun sie trotzdem so, als ob sie etwas könnten und mit scheinbarer Förderung unterdrücken sie sogar diejenige, die etwas in sich haben. Um zu schaffen, dass die letztendlich nicht mal ausschöpfen können, was sie in sich aufbewahrt haben. So sind wir alle! Wir beneiden immer den Anderen! Über dem wir denken, dass er stärker, begabter, erfolgreicher sei als wir. So fangen wir an, diejenigen zu hassen und versuchen alles Mögliches dagegen zu tun, dass sie ihre Ziele erreichen können.

Als ich Soldat werden musste, da habe ich dies ganz nahe Haut zu Haut gespürt. Es sind bestimmte Lebenssituationen, in denen der Mensch nicht in der Lage ist sich selbst belügen zu können. Das Tier jagt, tötet und frisst. Es treibt und erzeugt Nachwuchse um das Leben beibehalten zu können.

Der Mensch jagt, tötet, frisst, verkehrt und erzeugt Nachwuchse, nicht einzig dafür, dass er das Leben beibehält, sondern weil sein Wille, seine Begehr, seine Sehnsucht den Anspruch erweckt haben um zu jagen, um zu töten, um zu fressen, um sich mit einem Weib zu vereinigen. So eigenartig habe ich als Soldat meine Kameraden erkannt, denen nur eins wichtig gewesen war, Zeit zurzeit ihr Ego zu zeigen.

Der Dienst lehrt uns für ein ganzes Leben. Wenn du den Mensch bis dahin nicht erkennen konntest, hast du die letzte Chance, ihn gründlich zu erkennen.

Im Leben bekommt man die Möglichkeit verschiedene Rollen zu spielen. In der Armee sind die Rollen festgelegt. Du kannst nicht links oder rechts abtreten! Man muss an die verschiedene Befehle horchen, sonst kann man die Erleichterungen, die Vorteile, die denen angeboten wird, die immer im richtigen Moment, auf der richtigen Stelle präsent sein können und die Situation voraus erkennt haben und auch fähig sind dementsprechend zu handeln.

Wie tief kann der Mensch in sich hinuntersteigen und die tiefsten Grausamkeiten erwecken, um die anderen noch kleiner machen zu können, als man selber ist? Unsere ewige Furcht – diese kindische, panische Angst: nicht entdeckt zu werden, führt uns dazu, dass wir die grausamsten Taten, auch mit einer Selbstverständlichkeit banalisieren können. Nicht das Töten ist das größte Sünde, was der Mensch begehen kann, sondern die Idee, wie man das Töten durchführt, wie man die verschiedenen Arten und Sorten der Folterung und Hinrichtung ausdenken kann.

Bis man in dem Mittelalter mit einer Selbe oder Schwert seinen Mitmenschen durchsteckte, solang tut man es heutzutage mit Bleikugeln oder Sprengpatronen.  Man hat dabei auch kein so schlechtes Gewissen nur Furcht und Angst. Angst davor, dass einer uns tötet! Warum denn? Wie interessant oder grausam ist der Tod?  Man hat Angst vor ihm? Warum denn? Weil man  in dem Moment aussteigen muss! Ob man will oder nicht! Das ist eben, deshalb fürchten wir uns vor dem Tod. Man möchte noch dableiben und man kann mit sich selbst und mit der Situation nichts anfangen. Mit der Situation, die bedeutet: „nicht da sein“, „nicht mehr existieren“. Wäre es nicht einfacher, wenn wir daran denken könnten, wenn wir das akzeptieren würden, dass wir wie eine Pflanze oder Tier oder – makaber – ein Stück Erde weiterleben können? Wir sind aber so gestalten, dass wir dazu nicht fähig sind. Was haben wir gegen die Erde? Die süße und mit voller Geborgenheit gefüllte teuere, liebe „Muttererde“! „Mutterland“! Aus dem sind wir geworden und in dem werden wir wieder aufgelöst.

Ein schöner Gedanke und trotzdem muss ich frierend und zitternd daran denken dass ich in der steinharte weißrussische Erde begraben werden könnte und unter dieser schweren und harten Erde liegen müsste, so weit weg von der Heimat, von der lieben „Muttererde“.

 

Wie kannst du mit dem Tod fertig werden? Ist das was Schmerzhaftes? Muss man sich davor so fürchten? Tut er dir etwas an, was dir das Leben schon lange nicht angetan hätte? In meisten Fällen stirbt der Mensch sehr sanft. Wenn auch dieses Sterben (oft) sehr grausam aussieht, der es erleiden muss, will sicherlich ganz schnell durch sein. Drüben au der anderen Seite. Wo er schon von den Leiden befreit ist. Der Tod ist – ein wenig – nur für die Gebliebenen, für die Weiterlebenden so unerträglich und schmerzhaft, weil sie sich damit nicht abfinden können, dass dies auch zum Leben gehört. Sie leiden selbst darunter, weil sie sich fürchten irgendwann i der selber Situation zu sein. Das ist eben eine Vorerscheinung eine Vorprojizierung ihres Schicksals: So wird es mit mir auch passieren!“

- Stehen Sie auf!

Du hörst es und wirst es nicht glauben, dass die Stimme dich anspricht, dass mit dieser Aussage, Aufforderung du gemeint worden bist.

-Stehen Sie auf! Verdammter Scheißkerl! So bist du benannt. In dem Moment ist das dein Name und in dem Moment darfst du auf diesen Namen horchen. Es gibt keine andere Wahl! Man könnte eventuelle mit dem Gedanken spielen, dass derjenige, der dir so was gesagt hat selber ein Scheißkerl ist, aber was soll es denn: Es ist gut hier zu liegen. Wenn er dabei nicht selber darauf gekommen ist, dass er selber ein Scheißkerl ist, dann lohnt es sich überhaupt nichts zu sagen!

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