Fünf Etagen und fünfzehn Wohnungen. In denen fünfzehn Familien. In vielen Wohnungen nur eine Person. Meistens Frauen, die übrig geblieben sind. Frau Seidel, Frau Lenz, Frau Moritz, Frau Geiger und  Frau Wittich, sie sind schon weg.  Die Wohnungen wurden leergeräumt und neu vermietet. Damals musste ich noch jeden Tag für sie,  oder eben für mich selbst „kämpfen“: <Guten Morgen>, <Guten Tag> und <Einen schönen Abend>!  Dann später:  <Brauchen Sie was?>, <Kann ich Ihnen helfen?>.  Sie haben mich  aufgenommen.  Ich habe  sie für mich gewonnen. Wir haben uns angenommen. Jahren lang lebten wir neben- und miteinander, wechselten Augenblicke, schüttelten unsere Hände, und half ich Ihnen  Treppen steigen. Sie sind jetzt alle weg. Ich habe jetzt andere Mitbewohner im Haus. Statt Seidel, Lenz, Moritz, Geiger und Wittich, wohne ich jetzt mit Berisha, Mezoued, Okoye, Acar und Markovic im Haus zusammen. Man Grüßt sich, wenn man sich trifft und ab und zu treffe ich einige, die mir helfen, die Mülltonnen von der Straße zurück zu stellen. Ich spreche Deutsch. Aber nicht die vielen anderen Sprachen meiner Nachbarn. So sprechen wir schlechtes Englisch, oder gebrochenes Deutsch miteinander, wenn wir sprechen. Eher grüßen wir uns nur und verschwinden. Ich habe keine Kraft mehr neue Beziehungen aufzubauen. Sie haben kein Interesse – denke ich mir. Wer weiß? Vielleicht liegt es an mir, dass ich nicht mehr so „engagiert“ bin, wie mit „meinen fünf Frauen“. Aber vielleicht liegt es daran, dass meine Nachbarn auch schüchtern sind, fühlen sich hier nicht wohl, weil sie Ausländer sind? Ich bin auch Ausländer und ich fühle mich hier wohl. Ja. Ich habe Arbeit und Familie hier, spreche die Sprache, interessiere mich für die Kultur und Gesellschaft und habe das Gefühl, dass ich hier gut angekommen bin.

Ich vermisse nur meine „Fünf Frauen“! Das finde ich schade, dass sie nicht mehr da sind. Stattdessen habe ich die Anderen, da muss ich mich nicht mehr bemühen, weil sie sich auch nicht bemühen – habe ich das Gefühl! Aber es kann, sein dass ich mich irre und bald kommt ein Durchbruch, wie damals, als ich Frau Wittich angesprochen und ihr gesagt habe <Heute ist ein schöner Tag! Nicht wahr?>